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Vor 240 Jahren erließ die Gräfin Maria Anna von und zu der Leyen und der Hohengeroldseck eine Schulverordnung

04.01.2024

Maria Anna übernahm die Herrschaft Hohengeroldseck nach dem Tod ihres Mannes Franz Karl. Ihr Sohn Philipp Franz war noch nicht mündig, um in das Amt einzutreten. Der Titel „Reichsfreyin“ spielt auf die Reichsunmittelbarkeit der Grafschaft an.

Unterzeichnet wurde die Schulverordnung in Blieskastell, wo die Herrschaft von der Leyen ihr Stammschloss hatte.

In der Präambel der Schulverordnung von 1783 begründet die Gräfin, warum ihr der Erlass einer Schulordnung notwendig erscheint:

„Demnach wir mit Bedauern haben vernehmen müssen, daß in Unserm Oberamt der Grafschaft Hohengeroldseck die Erziehung der Jugend und das zu derselben Unterricht und Bildung so nöthige Schulwesen nicht wirksam genug eingerichtet seye und die jungen Leute größtenteils aus Unüberlegung und Nachlässigkeit der Aeltern [Eltern] und Vormündern in großer und außerordentlicher Unwißenheit aufwachsen; als[o] haben Wir zur Abhülfe diese gemeinschädlichen, dem Christentum höchst unanständigen, und der wichtigen Folgen wegen so nahe trettenden Übels, gegenwärtige das Wohl Unsren Unterthanen hauptsächlich betreffende und der dasigen Landes Verfaßung angemessene Schulverordnung zu erlassen für nöthig befunden.“

Im ersten Paragrafen werden die Werte und Techniken aufgeführt, die in der Schule vermittelt werden sollen, nämlich „das Nöthige vom Christentum“ zu erfahren, sowie die Fähigkeit zu „lesen, schreiben und rechnen“ zu erwerben. An späterer Stelle wird als Ziel der Schule anvisiert, die Kinder zur „Tugend und Wissenschaft“ zu leiten und zu „guten Christen und rechtschaffenen Bürgern“ heranzubilden (§ 37). Der Religionsunterricht in der Schule wird nicht als Aufgabe des Pfarrers, sondern des Lehrers betrachtet
Zu den grundsätzlichen Fragen gehören auch das Schulalter und die Schulzeiten. Sofern die Kinder in einem geschlossenen Dorf leben, beginnt die Schulpflicht mit 6 Jahren und endet mit dem 13. Lebensjahr. Wer dagegen von einem abgelegenen Hof kommt, muss erst mit 7 Jahren zur Schule. Seine Schulpflicht endet daher mit 14 Jahren. Damit wird auf den unterschiedlich langen Schulweg Rücksicht genommen.
Weil besonders die ärmeren Kinder zu Hause in der Landwirtschaft den Eltern helfen müssen, sollen diese im Sommer nur täglich 1 Stunde zum Unterrichtsbesuch verpflichtet sein. Im Winter sind sie bei der Unterrichtsdauer den anderen Kindern gleichgestellt (§ 2).
Bislang dauerte die Schulzeit nur von Allerheiligen bis Ostern. Das soll sich jetzt ändern. Auch die Sommerzeit wird einbezogen (§ 3).
Die Ferienzeiten werden von der Schulordnung nicht festgelegt. Dem Oberamt wird freie Hand gelassen, um auf die besonderen Arbeiten in der Landwirtschaft wie etwa der Heuernte Rücksicht zu nehmen (§ 5). Die Ferien dürfen jeweils 10 bis 14 Tage dauern.
Der Lehrer wird wie bisher von den Beiträgen der Eltern bezahlt. Die Vergütung beträgt bisher in der Woche 1 Kreuzer je Kind. Dieser Betrag soll bleiben aber für jede Woche im Jahr angesetzt werden (§ 6).
Wenn Eltern mit dem Schulgeld für ihre Kinder überfordert sind, können sie dies dem Oberamt melden. Wird von diesem eine Befreiung gewährt, so werden dem Lehrer die Fehlbeträge durch Einnahmen aus einem Fond beglichen. Dieser Fond soll von der Weinsteuer gespeist werden (§ 7).
Es besteht grundsätzlich Schulpflicht. Wenn Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken, obwohl sie gesund sind, muss der Lehrer dies dem Oberamt melden, das eine Geldstrafe verhängt (§ 9).
Der Unterrichtsmethode widmet sich die Schulordnung in mehreren Paragrafen. Im Wesentlichen geht es darum, sich die Kenntnisse durch ständiges Auswendiglernen, Abhören und Wiederholen einzuverleiben. Die Schulordnung setzt die sog. Zwergschule voraus, bei der ein Lehrer drei Arbeitsgruppen bildet: Die Anfänger, die Fortgeschrittenen und die, die in absehbarer Zeit entlassen werden. Jede Gruppe muss mit eigenen Aufgaben bedacht werden; für den Lehrer eine nicht geringe Herausforderung.
Dem Lehrer wird nahegelegt, zwischen einer nachlässigen Milde und einer übertriebenen Strenge einen Mittelweg einzuschlagen. Den Schülern, die sich schwerer tun, soll er sich mit besonderer Geduld widmen. Bei Störungen des Unterrichts soll der Lehrer den Schüler zuerst mit milden Strafen zur Vernunft bringen. Erst wenn diese nicht fruchten, darf er die Rute einsetzen (§ 38).

Die Gräfin hat die wachsende Verantwortung der öffentlichen Hand im Bildungsbereich frühzeitig erkannt. Denn im Großherzogtum Baden werden acht Jahrzehnte später staatliche Schulämter errichtet. Die Seelbacher Chronik (1979, S. 116) würdigt nicht nur die Schulordnung der Gräfin Maria Anna mit Einführung der Schulpflicht, sondern weitere Verdienste:
„Sie erließ eine Zunftordnung für das ansässige Gewerbe, unterstützte Bergbauversuche und -unternehmungen und hoffte durch die Förderung der verschiedensten Industriezweige … einen bescheidenen Wohlstand in das Tal an der Schutter zu bringen.“

Verfasser: Dieter Petri (gekürzte Version)

Quelle: Schuldordnung 1783 im Pfarrarchiv Prinzbach XXIII
Hinweis auf die Schulverordnung von Josef Ringwald, Vors. des Histor. Vereins Biberach


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